Perlen im Januar
Was ich gerade lese, schaue, esse, feiere
Ach, dieser Januar. In Wien lagen die Durchschnittstemperaturen unter denen vergangener Jahre, was ich gar nicht so schlimm fand, bis mein wintergrauer Acne-Kaschmirschal aus der Umkleidekabine eines Yogastudios gestohlen wurde. In der daraufhin vom Chef versendeten Rundmail war die Rede von einer unglücklichen Verwechslung, die Person möge doch bitte… ist natürlich nicht passiert. Deren Karma will ich nicht haben!
Als richtig blöde Idee erwies sich auch jene, die zu Weihnachten geschenkt bekommene Fabelwesenporzellanschale der Wiener Künstlerin Angela Kren als Seifenablage zu nutzen. Das Zerbrechgeräusch habe ich noch immer im Ohr.
Auch sonst ist die Stimmung eher low. Seltsam oft liegt Hochnebel über der Stadt, man könnte fast meinen, es wäre Berlin. Viele um mich herum scheinen ausgelaugt, selbst berufliche Mails klagen über “unruhige Umfelder”. Vor zwei Jahren um diese Zeit brach ich nach Australien auf, vergangenes nach Mexiko. Aktuell muss ich brav zu Hause bleiben, weil ich mit der Arbeit am dritten Buch begonnen habe, das sich passenderweise um Ruhe dreht. Wenigstens kann ich so viel schlafen, wie ich möchte.
Ich kann es kaum erwarten, die erste Seite meiner beiden Wandkalender umzublättern, jenen des Illustrators David Shrigley und den mit den Wiener Würstelständen von meiner Freundin Julia Jesella.
Lesen
Tolles Pferdecover, einprägsamer Titel: Auf diesen Feuilletonliebling war ich sehr gespannt. Und dann ist der Hipsterschnauzer tragende Autor gerade mal dreiundzwanzig! Historische Romane sind eigentlich nicht so mein Fall, von Nelio Biedermanns Lázár jedoch war ich begeistert. Eine Art Tolstoi auf Ritalin, ultra-komprimiert, die mehr als ein Jahrhundert umspannende Handlung braucht nur 336 Seiten. Temporeich, aber nie atemlos, humorvoll und beeindruckend akribisch recherchiert.
Vor dieser Buchpreisnominierung fürchtete ich mich ein wenig, schließlich ist der Jahresbeginn auch ohne Suizidliteratur bedrückend genug. Wie schon im Vorgänger “Die Welt im Rücken” erzählt Thomas Melle wieder autobiografisch von seiner manischen Depression, einer unfassbar zehrenden, einsam machenden Erkrankung. Dieses Mal wagt er den Sprung ins Fantastische: Der Ich-Erzähler mietet sich im titelgebenden “Haus zur Sonne” ein, um dort seine letzten Wochen bis zum attestierten Selbstmord zu verbringen. Diese doch recht trostlose Aussicht wird erträglich gemacht durch das Versprechen, jeden Wunsch in Form einer matrix-artigen Simulation erfüllt zu bekommen. Stellenweise erzählerisch redundant, dennoch eine bezwingende und seltsamerweise tröstliche Lektüre über einen, dessen Lebenswillen stärker ist als gedacht. Hoffentlich trifft das auch auf den Autor zu.
Von der Allonorm hatte ich bislang nie gehört. Sie bezeichnet ein System, in dem eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Libido als gegeben vorausgesetzt wird und regelmäßiger Sex als Bedingung einer gelungenen Beziehung. Auf mutige, kluge Art entwirft Maria Popov in “Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben” Alternativen, von platonischen Liebesbeziehungen zu Schmusefreundschaften, von queeren Lebensgemeinschaften bis zur Asexualität, die viel mehr Abstufungen kennt, als ich wusste. Demisexuell etwa bedeutet, dass sexuelle Anziehung eine emotionale voraussetzt, und selbst jene, die sich als streng asexuell definieren, haben teilweise freiwillig Sex. Ich habe so viel gelernt – und bin noch wütender auf unser patriarchales, die heteronormativ-monogame Zweierbeziehung idealisierendes System.
Schauen
Tilda Swinton ist meine Filmgöttin. In “Room Next Door”spielt sie eine Gebärmutterhalskrebspatientin, die mithilfe einer Pille freiwillig aus dem Leben scheiden will. Und zwar nicht irgendwo, sondern in einer in den nordamerikanischen Wäldern gelegenen Farbschemavilla, in die ich sofort einziehen will. Begleitet wird sie von ihrer Jugendfreundin, gespielt von Julianne Moore. Ein berührender Film über Trost und Selbstbestimmung, der seinem Downer-Thema zum Trotz viele heitere Momente beinhaltet, und das von einem Regisseur, der mir eigentlich zu überdreht ist. Pedro Almodóvar wird halt auch nicht jünger.
Bei den Globe-Theatre-Szenen in “Hamnet” musste ich an einen lange zurückliegenden Besuch im Europa Park denken, wo dessen Nachbildung steht. Well! Chloé Zhaos Oscarfavorit macht alles richtig. Grandiose Schauspieler – Paul Mescal hat sich spätestens mit “Aftersun” in mein Herz gespielt und Jessie Buckley ist eine echte Entdeckung –, sensible Kameraführung, ein Max-Richter-Soundtrack für die eigene Playlist und eine soghafte, in Teilen auf historischen Fakten basierende Story. Shakespeare war achtzehn, als er die acht Jahre ältere Anne Hathaway heiratete. Der halbe Kinosaal weinte, ich auch.
Berufsbedingt habe ich eine Schwäche für Serien rund ums Thema Essen. Bei Apple TV gibt es eine achtteilige Doku, die Köchinnen und Gastronomen auf ihrem Weg zu den erhofften Michelinsternen begleitet. Viele neue Restaurants haben es durch “Auf Messers Schneide. Die Jagd nach den Michelin-Sternen” auf meine Liste geschafft (Cariño in Chicago, Pasta Bar in Los Angeles, Agriturimso Ferdy nahe Bergamo, und, ewig schon, Jordnær in Kopenhagen) und immerhin in einem, dem in Mexico City gelegenen Máximo, war ich schon. Auch wenn ich meine Zweifel habe, ob hier, wie behauptet, echte Testerinnen zu Wort kommen, ist das Sprechen über deren Kriterien lehrreich. Sehr sympathisch fand ich das Bekenntnis des Moderators Jesse Burgess, er müsse Geschirr, das mit der Aufforderung “bloß nicht anfassen, sehr heiß” vor ihm platziert würde, immer anfassen.
Alter Mann: “Würden Sie mich heiraten, wenn ich vierzig Jahre jünger wäre?” – Junge Frau: “Würden Sie mich heiraten, wenn ich vierzig Jahre älter wäre?” So schlagfertig ist Parthenope, die titelgebende Hauptfigur eines Films im Stil einer zweieinviertelstündigen Zigarettenwerbung, es wird nämlich sehr viel geraucht. Ansonsten schwelgt die Kamera, wie schon in Paolo Sorrentinos Vorgängerfilmen, in der Schönheit italienischer Wunderweiber und dem morbiden Charme Neapels. Anfangs war ich nicht sicher, ob ich diese Art male gaze aushalte, der dann aber auf selbstironische Art gebrochen wird, zumal diese Parthenope als Soziologieüberfliegerin Köpfchen hat. Ansonsten: ganz viel Amore und die Erkenntnis, wie schrecklich leidenschaftslos wir Deutschen sind.
Hören
Nachdem ich mich ein wenig an Heinz Strunk überhört und seinen neuen Kurzgeschichtenband “Kein Geld Kein Glück Kein Spirit“ pausieren musste, begleitet mich aktuell das Hörbuch von Christian Krachts “Air”. Im Vorfeld hatten mich die Kritiken eher abgeschreckt, weil ich kein Fan bin von Zeitreisefiktion, aber so abgespacet wie erwartet ist es gar nicht, sondern ein von altertümlichem Vokabular – Nachtmahr, Bettstatt – durchzogenes, vielschichtiges Horrormärchen. Für alle, die währenddessen wie ich gerne essen: Ab und an wird es unappetitlich.
Essen
Mein Favorit der Kategorie Backen beim vergangenen deutschen Kochbuchpreis war Nicola Lambs “Die Chemie des Backens”. Anlässlich einer Sonntagskaffeerunde versuchte ich mich am Banana Cream Pie. Meine Angst, er könnte zu karamellig-pickig werden, erwies sich als unbegründet, stattdessen erinnerte er an die Edelversion eines Banoffee Pies. Als nächstes stehen Miso-Walnuss-Cookies und eine Schoko-Kokos-Tarte auf dem Programm. Oder wie wäre es mit einer herzhaften Linzer-Tomaten-Torte?
Schon das Cover von Meera Sodhas “Happy” ist ein Laune-Booster. “Vegetarisch, vegan und asiatisch” lautet das Motto der Guardian-Kolumnistin. Ganz okay war die geröstete Aubergine mit Seidentofu und Tahin minus Chiliöl, begeistert war ich von den grünen Sichuanbohnen mit gehacktem Tofu. Als nächstes stehen die Pastinaken-Kartoffel-Gnocchi mit Gochujang und Haselnüssen an.
Endlich habe ich es mal zur Ersten Wiener Tofumanufaktur geschafft. Die Metallschalen, in denen die Tagesgerichte serviert werden, machen schabende Geräusche und gemütlich sitzt man nicht auf den gleichwohl metallenen Geflechtstühlen, das soll aber so, schließlich ist es ein Imbiss. Ich komme trotzdem wieder, der angenehm überschaubaren Wochenkarte wegen, von der besonders die als Vorspeise servierten, frittierten Tofuwürfel und die Desserts, eine Schokomousse und ein Cheesecake, überzeugten, und des Angebots an hausgemachten Sojabohnenprodukten in den verschiedensten Varianten, von Natur bis gewürzt, von Seidentofu über handgepresst-fest bis hin zu Tofuhaut.
Trinken
Aufgrund anhaltender Magenbeschwerden muss ich mich derzeit an Tee halten. Wenn die Sache etwas Gutes hat, dann, dass ich mich dadurch endlich mit dessen grüner Version beschäftige. Ich liebe den in Berliner Denns-Filialen erhältlichen Japan Gyokuro von Ökotopia, und Genmaicha, zum Beispiel von Demmers Teehaus. Eine weitere vielversprechende Anlaufstelle in Wien ist Rami, wo ich den herrlich grasigen Jamagiri Sencha erwarb. Abgesehen davon gibt es vor Ort einen perfekt-herben Matcha Latte. Den darf man nämlich, wie ich schmerzlich lernen musste, keinesfalls auf gut Glück bestellen, selbst die sechs-Euro-Version beim Wiener Nobelbäcker kommt gesüßt, und was sie mir in meiner Nachbardorfbäckerei servierten, erinnerte an Zuckersirup mit Rasenmäherinhaltaroma.
Hojicha ist der neue Matcha, wobei mir Letzter lieber ist. Eine passable und auch günstige Biovariante des Ersteren gibt es bei Amazon.
Kaufen
Für Onlinewerbung bin ich wenig anfällig, für die Produkttests der Süddeutschen Zeitung hingegen schon. Kürzlich testete die Münchner Gastroüberfliegerin Rosina Ostler, die ich vorletztes Jahr für die Welt am Sonntag porträtierte, Pfannensets, was dazu führte, dass ich mir den Testsieger direkt bestellte. Auch ich bin begeistert von der Benutzerfreundlichkeit und perfekten Verarbeitung des vierteiligen Moments. In Kombination mit meinem ozeanblauen Le-Creuset-Bräter habe ich endlich das Gefühl, halbwegs gut ausgestattet zu sein.
Die Mitarbeiterin im Kaufhof am Alexanderplatz hatte recht: Eine wärmere Strumpfhose als die Falke Softmerino gibt es nicht. Kratzt null!
Kitten
Auf Empfehlung der Künstlerin griff ich für die Reparatur meiner zerbrochenen Schale auf den Zwei-Komponentenkleber von Pattex zurück. Scherben geklebt, Gemüt beruhigt.
Liebe ich auch:
Die von der Künstlerin Billi Thanner gestaltete Lichtinstallation in Form eines Unendlichkeitszeichens auf der Votivkirche, die meinen täglichen Nachhauseweg erleuchtet.
Brick, eine App, die digitalfreien Fokus schaffen soll. Sie kommt mit einem kleinen Kasten, den man durch Berührung entsperrt, man muss sich also physisch in Bewegung setzen, wenn man seine Arbeit unterbrechen will, um mal “eben was bei Insta zu checken”. Brauche ich persönlich nicht, scheint aber bei vielen Anklang zu finden.
Selbes Thema: Die Vorfreude auf mein Light Phone
Hasse ich:
Die kommste-heut-nicht-kommste-morgen-Mentalität bei Willhaben, dem Ösipendant zu Ebay Kleinanzeigen









