Perlen im Dezember
Was ich gerade lese, schaue, esse, feiere
Obwohl ich die warme Jahreszeit der kalten vorziehe, gehört der Dezember zu meinen Lieblingsmonaten. Warum, wird in der nächsten Newsletterausgabe erörtert, zunächst nur so viel: Ein Grinch ist nicht an mir verloren gegangen! Dass nicht nur die Falter-Wetterkritik, sondern gefühlt die ganze Stadt über den schlimmen Wiener Winter mosert, kann ich nicht nachvollziehen. Manchmal regnet es, meistens nicht, und an vielen Tagen leuchtet der Himmel in der Farbe von verschütteter Milch. Vor allem möchte ich allen Grantlern sagen: Geht doch mal nach Berlin! Da wird es überhaupt nicht hell.
Gewinnen
Man darf sich auch mal selbst feiern. Ende November bekam ich den NDR Sachbuchpreis für mein Buch “Unversehrt. Frauen und Schmerz”. Dass ich damit nicht gerechnet habe, verrät meine improvisierte Dankesrede, die ich im Nachhinein ganz anders gestaltet hätte. Immerhin konnte mein kurz vor der Preisverleihung abhandengekommener Blusenknopf ersetzt werden. Hier geht es zum Beitrag in der ARD-Mediathek.
Lesen
Weil ständig so viele tolle neue Bücher erscheinen – ungeplant lese ich fast nur noch solche von Frauen – kommt es so gut wie nie zu einer wiederholten Lektüre. Eine Ausnahme machte ich für Melissa Broders “Muttermilch”, nicht nur wegen des Colourblocking-Covers. Sprachlich gibt es hier nichts zu verbessern, so schwarzhumorig und magensaftig-prickelnd wird die Essstörung der Protagonistin beschrieben. Geheilt wird diese durch die Begegnung mit einer drallen jüdischen Joghurtverkäuferin:
“Ich sah ihr zu, wie sie drei große Kleckse Schokosoße auf den Yogurt löffelte, wie der Yogurt unter der warmen Soße ein Tableau bildete und sie an den Seiten herunterlief, unbändig vulkanisch. Nach jeder Kelle dachte ich, sie würde aufhören, aber sie hörte nicht auf, sie lud noch eine vierte, dann eine fünfte Kelle Schokosoße auf, und der Yogurt wurde zum Vesuv. Sie hielt kurz inne, dann bestäubte sie das Ganze mit einer Schicht gehackter Erdnüsse. Ich war überwältigt. Niemals in all meinen Topping-Tagträumen hätte ich an eine Erdnuss gedacht. Sie vollendete es mit Schlagsahne – nur einem Klecks – und darauf dann noch einen Spritzer Erdbeersirup. Miriam hatte mir einen Eisbecher gemacht.”
Nachdem die anfängliche Panik der Gewichtszunahme überwunden ist, bleibt Platz für ein lesbisches Erweckungserlebnis zwischen Wallekleidern und Schoko-Babka und jede Menge fetttriefendes, zuckerüberdosiertes Female Empowerment.
Wenn sich eine Autorin wie Kathrin Bach an german angst und Kleinbürgerkontrollwahn wagt, wird daraus große Literatur. “Lebensversicherung” heißt ihr für den Deutschen Buchpreis nominiertes Werk, in dem eine namenlose Ich-Erzählerin ihre BRD-Sozialisation und verzwickt-verzweigte Familiengeschichte anhand des elterlichen Versicherungsunternehmens aufrollt. Angststörungen und rätselhafte Übelkeit begleiten sie seit ihrer Kindheit, wobei mehr und mehr klar wird, dass man sich vielleicht gegen einen Wasserschaden absichern kann, nicht jedoch gegen die Wendungen des Lebens. Bei aller gebotenen Schwere eine humorvolle Lektüre, und eine tröstliche.
Die Liebe zu einem Hund kann ich, bisher leider hundelos, sehr gut nachvollziehen. In Sigrid Nunez’ Roman “Der Freund” agiert eine in einem winzigen New Yorker Apartment recht deplatzierte Deutsche Dogge als Trauerbegleiter, deren vormaliger, durch Selbstmord aus dem Leben geschiedener Besitzer der beste Freund der Ich-Erzählerin war. Eine elegant verfasste Geschichte über Abschied, Trauer und seelischen Beistand und der Beweis, dass einen nicht nur Hände, sondern auch Pfoten halten können.
Bewerten
Zum wiederholten Mal durfte ich Teil der Deutschen-Kochbuchpreis-Jury sein. Wenn Anfang November die nominierten Werke eintrudeln, fühlt sich das immer nach Weihnachten an.
Erstmals gab es 2025 die stark aufgestellte Kategorie Foodfotografie. Knappe Gewinner waren für mich Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall, Betreiber des Onlinemagazins Splendido, und ihre beiden Jahreszeitenbücher “Primavera/Estate” und “Autunno/Inverno”. Auf dem zweiten Platz landeten Ingo Pertramers unverkennbare Blitzaufnahmen eines meiner Lieblingshotels in “Rote Wand. Culinary Lab. Eine neue alpine Küche. Kochschule. Fermentation. Naturküche”. Platz drei gebührt dem Neonröhrenreigen in jenem schlicht “Eis” betitelter Klopper, für den ich demnächst mal wieder meine Eismaschine anwerfen werde.
Abgesehen von der Foodfotografie votierte ich in der Kategorie Backen. Hier gab es für mich zwei Gewinnerinnen, beides akribisch recherchierte Grundlagenwerke, deren Theorieteil mich kurz zurück in den Chemieunterricht versetzte. Im Vergleich zu Katarina Cermeljs “The Elements of Baking. Wie du jedes Rezept glutenfrei, ohne Milch, ohne Eier oder vegan zubereiten kannst” – das ich bereits beim Zeit Sonntagsessen vorstellte – kleben mehr will-ich-nachmachen-Zettel in Nicola Lambs “Die Chemie des Backens. Backwissen, das aufgeht”, wobei Ersteres das gelungenere Cover hat. Die achtzehnschichtige Schokotorte, die Schoko-Chip-Cookies mit Miso-Walnüssen, der Schokokuchen mit Ricotta, Haselnüssen und Orangenmarmelade und die herzhafte Parmesan-Linzer-Torte müssen leider bis zum Ende der Adventsbäckerei warten.
Schauen
“Habe ich dir mal von meinem Freund Matt erzählt?” Eine beiläufig gestellte Frage, die viel erzählt über die Sprachlosigkeit zwischen zwei Menschen, die sich entschieden haben, ihr Leben miteinander zu verbringen. “Matt und Mara”, so der Titel des bei Mubi gezeigten Films, kennen sich seit Jahrzehnten und nähern sich, nach einer Zufallsbegegung in Maras Heimatstadt Toronto, auf nicht-freundschaftliche Weise an. Schwierig, wenn man wie die Protagonistin in einer monogamen Ehe steckt. Ein leiser, skurriler Film über das Eruieren alternativer Lebensentwürfe, das, wer kennt es nicht, wahrscheinlich nie aufhört.
Nur Franz Rogowski zuliebe schaute ich diesen Film, dessen magischer Realismus mich sonst eher abgeschreckt hätte. Er spielt den titelgebenden “Bird”, einen Umherwanderer, der sich bei Gefahr in eine rachsüchtige Krähe verwandelt. Nachdem ich zwischenzeitlich beinahe ausgeschaltet hätte, begeisterte mich die edgyness gegen Ende dann doch sehr. Vor allem jene Szene, in welcher der Vater der Hauptfigur eine Bachelorparty im besetzten Haus ausrichtet. Finanziert werden soll die bevorstehende Hochzeit durch den Verkauf eines aus Krötenschleim gewonnenen Halluzinogens, welches das Tier angeblich nur in sentimentaler Stimmung von sich gibt. Folglich grölen die Volltätowierten Coldplays “Yellow” im Chor, überraschend textsicher und ergriffenheitsbereit.
Essen
Schon seit einigen Jahren kocht Jonathan Wittenbrink auf sterneverdächtigem Niveau komplett vegan im Wiener Jola. Nun hat er mit seiner Lebens- und Geschäftspartnerin Larissa Andres wenige Meter entfernt das All-day-long-Bistro Lara eröffnet. Ich war zum Abendessen dort und begeistert von der weltgewandten, gastfreundlichen Atmosphäre und vielen der zum Teilen gedachten Teller. Große Freude auch über Andres’ in Zusammenarbeit mit Friederike Duhme entstandenes alkoholfreies Sortiment. Allein dass sie sich trauen, auf der Karte nicht zwischen mit und ohne Promille zu unterscheiden – so wird der Digestif von Three Spirit der Schnapsauswahl gleichgestellt – verdient Respekt.
Zu fast jeder Mahlzeit gibt es bei mir Nüsse, in ganzer Form oder als Mus. Letzteres kaufe ich gerne bei Koro. Meine aktuelle Obsession ist die auch ohne zugesetzten Zucker leicht süßliche Erdmandelcreme und das bitter-intensive Pekannussmus im praktischen halben-Kilo-Glas. Schmeckt zu Frühstücksgrießbrei und auf Brot oder einfach pur weggelöffelt.
Trinken
Gibt es etwas Befriedigenderes als lange bestehende, final gelöste Probleme? Weil ich morgens Filterkaffee trinke und nachmittags Espresso, hantiere ich mit zwei verschiedenen Kaffeebohnensorten, was bedeutet, dass ich zweimal am Tag mit Umfüllen beschäftigt bin, was zu Sauereien und in der Mühle klebenden Pulverresten führt. Die von einem Barista empfohlene Handmühle kam für mich nicht infrage. Heureka, naja, fast, Eureka heißt der Hersteller der portionsweise mahlenden Mignon Single Dose. Nicht gerade günstig, aber dafür auch ein optisch die Küche aufwertender, hoffentlich lebenslanger Begleiter.
Kaufen
Ein wahrscheinlich eher unnötiger Kauf war der Atom SL Hoody von Arc’teryx. Obwohl mit irgendeiner innovativen Wärmetechnologie bei gleichzeitiger Ultraleichtigkeit geworben wird, ist er, fürchte ich, doch mehr Wind- als Wärmeschutz, wenn überhaupt. Dafür aber super geschnitten und rosa!
Als sehr sinnvoller Erwerb hingegen erweist sich die ADV Skin 12 Laufweste von Salomon. Super-leicht und kompakt, dabei mit so viel Volumen ausgestattet, dass neben Smartphone, Trinkblase, Nussriegel, Airpods und Schlüssel sogar noch ein Ersatzshirt reinpasst.
Sport, die dritte: Nach langer Überlegung und monatelangem Ausharren auf der Warteliste hat mich mein neues Cube-Gravel Bike erreicht. An seine space-lila Farbe musste ich mich erst gewöhnen, bis mir auffiel, dass sie mein ebenfalls lila-grundiertes Vintage-Peugeot perfekt ergänzt.
Liebe ich auch:
Probeschlafen im brandneuen Wiener Mandarin Oriental.
Die Trüffelrahmsauce, die es vom Tian als Nikolausgeschenk gab.
Eine weitere Etappe auf dem Weg zur perfekten schwäbischen Hausfrau ist geschafft: Ich bin jetzt Besitzerin einer Kartoffel-Spätzle-Presse.
Hasse ich:
Die “drei bis fünf Werktage Lieferzeit” von Black-Friday-Bestellungen.






