Caffè capisce
Vier Tage in Triest, der österreichischsten Stadt Italiens
Nirgendwo in Italien wird mehr Kaffee getrunken als in Triest, 1500 Tassen pro Kopf jährlich, sagt der Falstaff. Nicht nur deswegen ist die von k. u. k.-Einflüssen geprägte Stadt perfekt für einen Kurztrip, der eigentlich zur Venedig-Biennale hätte führen sollen. Passt schon, dachte ich mir bei stabiler Wetterlage im Strandclub des Riviera Maximilian liegend, einem auf sympathische Art aus der Zeit gefallenen, zitronenkuchengelben Hotel einige Küstenstraßenkilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Sauna kostete extra, das Duschgel stand wie anno dazumal in wenige Milliliter umfassenden Plastikfläschchen bereit und die Frühstückseier mussten eigenhändig im Wärmebadkäfig gegart werden, was allein deswegen nicht klappte, weil Eierdiebe unter den fast ausschließlich Deutsch-Österreichisch sprechenden Gästen waren. Fantastico hingegen die ebenfalls vor 10.30 Uhr servierte Spinat-Filoteig-Tarte und jener in einem Leuchtturm (?) untergebrachte Aufzug, der einen vom Hotelgarten subito runter zum Meer bugsierte. Nicht abschließend geklärt werden konnte die Frage, ob jener in Öl festgehaltene, arg verzerrt wirkende Dackel, der die Wand unseres Meerblickzimmers zierte, einen sehr langen Hals hatte oder sein Oberkörper direkt am Kopf ansetzte. Wir tauften ihn Sören.
Vor sechs Jahren war ich schon mal in Triest, eine Stadt, für die es von Wien aus mit dem Auto gerade mal drei Spielfilmlängen braucht, wobei nicht nur Italo-Playlists, sondern auch an tschechischen Raststätten genossene Apfel-Mohn-Nuss-Kuchen die Fahrt versüßen. Hin und weg war ich bei meinem letzten Besuch von der Tavernetta al Molo, einem am Hafen von Grignano gelegenen Fischrestaurant – keine Website –, das seine Pasta in Eisenpfannen serviert. Nicht so dieses Mal: Auf meinen Einwand, das Shrimp-Tartar schmecke nicht ganz frisch, reagierte der auch zuvor schon leicht genervte Kellner persönlich beleidigt und bestrafte mich mit einer von-wegen-al-dente-Pappardelle und einer “verlorengegangenen” Rechnung. Die zu einem fingerbreiten Streifen Polenta gereichten panierten Sardinen schreien danach, wie Sören in Öl verewigt zu werden. Grazie für niente! Zum Glück gab es hinterher gefühlte sechs Kugeln Pistazien-Schokoladen-Eis bei Con Amore. Ungeschriebenes Italiengesetz: ein Gelato am Tag, mindestens. Noch lieber mochte ich es bei Natura Gelato, vor allem die Sorte salzige Schokolade und dass es die ungesüßte (!) Sahne ohne Aufpreis gab.
Nach dem Molo-Reinfall war ich skeptisch gegenüber jener Dinneroption, die ich in ähnlich guter Erinnerung hatte. Zu unrecht: Jeder in der Osteria Salvagente bestellte Teller war so, dass ich ihn nochmal haben wollen würde. Angefangen bei der in der Vitrine präsentierten Vorspeisenvariation (Polenta mit Sardellen, Makrele mit Paprika, Stockfischcreme) über die Caserecchi mit Wolfsbarsch und Zucchinipesto und Gnocchi in Tomaten-Muschel-Sauce bis hin zur mit Anchovis gepimpten Parmigiana al mare. Die panierten Sardinen ließen wir sicherheitshalber aus. Wie fast überall in Triest waren die Preise mehr als fair, der Service zudem ausgesprochen freundlich. Leider musste ich dem Tiramisu entsagen, weil: ein Gelato am Tag.
Rustikaler, aber ähnlich gut war die Parmigiana in der Osteria Marise, wobei die, im Gegensatz zur Salvagente, fast ausschließlich von Touristen frequentiert wurde, darunter solchen, die ihre Bruschetta con Baccala mit Käse überbacken haben wollten. Wir beließen es bei Salat mit Garnelen, Nüssen und Walnüssen, einer perfekt-schlonzigen Spargel-Frittata, Tortelli mit Burrata und Tomatensalsa und wieder keinem Dessert, weil: salzige Schokolade.
Da wir die letzten beiden Nächte in einem im Zentrum gelegenen Airbnb verbrachten, an dem ich nichts auszusetzen habe außer der vom Bett aus sichtbaren KI-artigen Landschaftsszene eines vertrockneten Ackers, mussten wir fürs Frühstück den Coop ausräumen. Stracciatella, Pecorino und Stockfischcreme von der Frischetheke, Meeresspargel, Burrata, Ziegenricotta, Minizucchini und Riesenoliven, was für ein Paradies. Die Zucchiniblüten waren leider aus. Abgesehen davon schleppten wir kiloweise Eataly-Tüten den Berg zu jenem Aussichtspunkt hinauf, an dem die Einheimischen gerne ihren Aperitivo trinken (danke, Flo, für den Tipp). Über Eataly allein ließe sich eine ganze Abhandlung schreiben: Ein künstliches Hyper-Italien, das überall auf der Welt Sinn ergibt außer in seinem Heimatland, und doch auch dort gut angenommen wird, und zwar nicht nur von Touristinnen wie uns. Gegen eine Wienfiliale hätte ich nichts einzuwenden.
Lobende Erwähnung muss auch das Mandel-Pudding-Blätterteigteilchen der Fornaio Mapo Fusion Bakery finden und die Bäckerei Pagna – Panificio Artigianale, deren Maritozzo, ein mit Sahne gefülltes Milchbrötchen, zum besten seiner Art gehört. Dabei war der aus der La Marzocco gluckernde Specialty Coffee etwas weniger special, als ich es gewohnt bin, überhaupt würde ich nicht sagen, dass die Kaffeequalität in Triest so durchgängig exzellent ist, wie es die Stadt mit dem italienweit höchsten Konsum vermuten ließe. Richtig schlecht war er natürlich trotzdem nie und nur dort wird viel Aufhebens um einen im Glas servierten, mit aufgeschäumter Milch aufgegossenen Espresso gemacht, der überall sonst wohl als Macchiato serviert würde, aber Nero in B klingt natürlich viel hübscher.
Liebe ich auch:
Die von der futuristisch anmutenden Wallfahrtskirche Monte Grisa nach Triest führende Strada Napoleonica, besonders, wenn man sich traut, den Hauptweg zu verlassen
Kostenlose Parkplätze direkt vor der Tür des Airbnb-Apartments
Immer noch: meinen schulterfreien Riviera-Badeanzug von Volans
Hasse ich:
Übersüßtes Pistazientiramisu – bitte stattdessen das Koro-Pistazienmus verwenden
Wenn Uber-Fahrten wegen eines angeblichen Nachtzuschlags plötzlich 400 Prozent mehr kosten
Dass sich das einem Reddit-Forum zufolge beste Tiramisu der Stadt als schrumpeliger Miniwürfel entpuppt










Oh nice, wie schön Dich gefunden zu haben. In 14 Tagen werde ich auch in Triest sein 😚