Brief aus Berlin
Bin ich eine praktische Person?
Eine einzige legendäre Silvesternacht hatte ich in Wien, mit erratischem Bleigießen und einem circa drei Meter hohen, in Nebelmaschinenrauch gehüllten Weihnachtsbaum, das war super. Trotzdem setze ich in dieser Hinsicht weiterhin auf Berlin. Dabei gilt es, die perfekte Balance zu finden aus mittendrin und trotzdem safe, was mir vergangenes Jahr von einem Neuköllnbalkon aus erstaunlich gut gelang. Dieses Jahr wurden meines Wissens nach keine Rohrbomben gezündet und am Hermannplatz herrschte sogar Böllerverbot.
Grundentspannt war ich allein dadurch, dass mein online bestelltes Schleifenglitzerkleid exakt pünktlich ankam. Mit dem begab ich mich zu einem Raclettedinner am Paul-Lincke-Ufer, praktischerweise gebot das Gastgeberpaar über eine Dachterrasse. Stichwort Raclette: Das gab es bei meiner Kleinfamilie auch am ersten Weihnachtsfeiertag, wogegen ich mich im Vorfeld heftig wehrte, weil ich erstens lieber kochen wollte und zweitens bereits absehen konnte, was da so auf dem Tisch stehen würde (Perlzwiebeln, Essiggürkchen, Oliven mit Knoblauchkern, Aldi-Süd-Speckwürfel). So war es dann auch. Am Silvesterabend hingegen wurden Gemüsepuffer, Shrimps und Sashimilachs geröstet, dazu Trüffelhonig und Hummus gereicht, und die vielleicht beste Erfindung der Gegenwart ist ja wohl eine Kombination aus Raclettegerät und Käsefondue.
Nachdem ich den kurzen Schock meiner Glückskekscharakterisierung verdaut hatte – “Sie sind eine praktische Person” – stieß ich mit den champagnertrinkenden Bekannten an. In meinem Glas befand sich der im Mindful Drinking Club erworbene Gnista Funky, später in der Nacht ging ich zu Jörg Geigers Aecht Kimmel über. Da waren wir auf einer Büroparty in der Karl-Marx-Allee gelandet, und dass ich es mit dem Karaokesingen ein wenig übertrieben hatte, verriet meine abwesende Stimme am Tag danach.
Dann kam der Schnee. Im Gegensatz zu Wien schneit es in Berlin weniger häufig und meistens wird daraus innerhalb kürzester Zeit ein Gatsch. Nicht so Anfang Januar, zumal sogar die Sonne schien. Absolut nichts sprach gegen ein Eisbad in einem der Kaulsdorfer Seen, und zwar mit jenem Wim-Hof-Lehrling, mit dem ich vorletztes Jahr ein entsprechendes Seminar im Krallerhof belegte. Nach einer Killereinheit im in der ehemaligen Bötzowbrauerei untergebrachten John Reed – bei dem selbst Fitnessstudioskeptiker wie ich kurz überlegen, ein Jahresabo abzuschließen – mit anschließendem Saunagang begaben wir uns für zwei Minuten in den halb zugefrorenen See. Im Gegensatz zu früheren fünf-Minuten-Einheiten wurde mir hinterher relativ schnell wieder warm. Danke, Sukkhadas, für diesen frischen Start ins neue Jahr.
Ein Dinner for one gab es auch, und zwar, aufgrund eines terminlichen Missverständnisses, wenige Tage nach Silvester bei Rasoterra. Nach mehreren eher unbefriedigenden Pizzaerlebnissen der vergangenen Zeit war dieses eine Offenbarung. Sowohl der herkömmliche als auch Vollkornsauerteig waren perfekt. Auf meiner Pizza lagen Sardellen, Stracciatella und Zucchinicreme, dazu gab es einen Fenchel-Pistazien-Salat, später ein dekonstruiertes Cannolo, eine leider eher geschmacksneutrale Panna Cotta und ein genau richtig durchgeweichtes Tiramisu.
„Kellner, mitleidig: ‚Und Sie bleiben beim Wasser?‘ Ich bleibe dabei. Er wird mich dazu, wie so viele andere auch, noch häufig befragen heute Abend, wie jeden Abend. Ungläubig oder ironiewitternd: ‚Wasser?‘ Schockiert oder beleidigt: ‚Wasser?‘ Jaja, Wasser, für mich nur Wasser.“ Bei der Getränkebestellung im Eins44 fiel mir diese Passage aus Benjamin von Stuckrad-Barres „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“ ein, obwohl der bemüht-charmante Kellner sie nicht infrage stellte. Aufgrund eines hartnäckigen Magenproblems muss ich derzeit nämlich wirklich beim langweiligsten aller Getränke bleiben. Glücklicherweise konnte ich das dazugehörige, von Tim Tanneberger und Sebastian Leyer zubereitete Menü trotzdem halbwegs genießen. Klarer Favorit war der sieben Tage gereifte Stör mit eingelegter Roter Bete, Radicchio, Kamillenhollandaise und einer Jus aus Roter Bete und den Karkassen des Störs. Sehr sympathisch fand ich die Geste des Eins44-Betreibers Jonathan Kartenberg, die zu Jahresbeginn wiedereingeführte Mehrwertsteuersenkung an seine Gäste weiterzugeben. 64,20 Euro für ein Fünf-Gang-Menü auf diesem Level findet man nicht alle Tage.
Wer lieber nach großen Portionen giert, ist in der Letzten Instanz richtig. Von Berlins ältestem urkundlich erwähnten Gasthaus hatte ich nur eine vage Vorstellung, bis ich dessen Betreiberduo für die erste Ausgabe von T Germany porträtierte. Über vierhundert Jahre alt ist das entsprechende, nahe des Roten Rathauses gelegene Gebäude, das beinahe als Inglorius-Basterds-Kulisse gedient hätte, stattdessen ließ Tarantino dessen Wendeltreppe nachbauen. Einige Tage nach meinem Interview war ich dort essen. Insgesamt empfand ich alles als leicht überwürzt – könnte aber auch meinem versehrten Magen geschuldet sein –, mit Ausnahme der flaumigen Bergkäseknödel. Trotzdem eine Empfehlung, vor allem in Sachen Preis-Leistung. Sowohl mein Freund Martin als auch ich schaufelten einen Großteil des Essens in die vom Service bereitgestellten To-Go-Becher.
Ebenfalls für T Germany sprach ich mit den Betreibern des Wilmersdorfer Tresen-Treff, einer Eckkneipe mit kulinarischem Anspruch, schließlich kommen die beiden Köche aus der Sternegastronomie. Auf der Karte stehen Beamtenstippe, Kartoffelpü und Senfei, zu sagenhaft günstigen Preisen. Kosten konnte ich leider nichts, weil ich außerhalb der Betriebszeit da war.
Da ich schon mal den Weg in den Berliner Westen gefunden hatte, machte ich einen Abstecher ins c/o, wo eine wie immer lohnenswerte Gruppenausstellung von Magnum-Fotografinnnen gezeigt wurde. Besonders berührt war ich von Cristina De Middels Freierporträts, samt Erklärungen, warum diese teilweise verheirateten Männer regelmäßig Prostituierte aufsuchen. Recht passend dazu waren Hannah Prices auch ästhetisch gelungene Aufnahmen von sie aggressiv anbaggernden Männern. Mit manchen ist sie heute offenbar befreundet.
Auch Fotografiska zeigte ausschließlich Künstlerinnen. Erstens die mir bis dahin unbekannte Straßenszenenkönigin Helga Paris, zweitens Diana Markosians Suche nach ihrem verschollen geglaubten Vater und drittens Charlotte Schmitz’ poppig-grellen Einblick in den Istanbuler Stadtteil Balat.
Dann war es Zeit für meinen letzten Wunsch. Erstmals hörte ich nämlich Ende letzten Jahres – danke, Timon! – von der herrlichen Tradition, in den Rauhnächten, also der Zeit zwischen 25. Dezember und 5. Januar, dreizehn Wünsche auf Zettel zu schreiben und diese einen nach dem anderen zu verbrennen. Ein jeder wird im Lauf des neuen Jahres vom Universum erfüllt, bis auf den letzten, den muss man selbst wahr werden lassen. Abgesehen davon, dass ich keinen Nachteil erkennen kann an diesem Deal, war es schön zu sehen, wie viele meiner Sehnsüchte ich tatsächlich selbst in der Hand habe. Welcher Wunsch übrig blieb, darf ich natürlich nicht verraten, aber ich sag mal so: Könnte passieren.
Liebe ich auch:
Dass man bei Le Labo bei Vorlage des alten Flakons zwanzig Prozent Rabatt auf den neuen bekommt
Mein Weihnachtsgeschenk: drei handgetöpferte Schalen der Wiener Künstlerin Angela Kren
Hasse ich:
Dass eine der drei handgetöpferten Schalen beim Putzen zerschellte. Reparatur möglich.








Total schön geschrieben, fängt die Stimmung zwischen den Jahren in Berlin gut ein :)
Happy new year - etwas verspätet 😘